In die Lüfte

 

Amazonien, das sind Flüsse, Wolken, die sich himmelhoch bauschen, Wind, fette Tropfen, schwere Regen, Schönheit und Orte, wo noch kein Mensch seinen Fuß hingesetzt hat, zum Glück.

Die brasilianischen Piloten Fernando und Nilton leben in der Dschungelmetropole Manaus und heben zu Lande und zu Wasser in Amazonien ab unter Bedingungen, in denen nur die Besten bestehen und der Tod gegenwärtig ist.

Am Tag der Republik hat über uns ein Pilot seine Runden gedreht. Der dort oben und ich hier unten. Mir reicht's am Boden. Ich will in die Luft.

Also ist Nilton aus dem Priesterseminar ausgetreten und Pilot geworden. Der Familienmensch und Melancholiker fliegt mit einer Cessna Caravan in der Einsamkeit des Hinterlandes. Transportiert Nutten und Gipsengel, Versandhauspost und Indios, Tote und Gemüse. Mit Captain Juarez hat er als Copilot angefangen und Küken durch Amazonien geflogen. Jetzt ist Juarez in einer geschlossenen Anstalt, malt den Himmel und was sich darin bewegt und wird gern von Nilton besucht.

Mich zieht's zum Wasser, mein Flugzeug muss im Wasser sein. Vielleicht bin ich ja ein Sohn von Yemanjá, der Mutter der Flüsse. Fliegen ist jedenfalls das, was ich brauche.

Fernando, der Nomade und Wassermann, ist mit der Lake Renegade seines Chefs unterwegs, dem die schwimmenden Tankstellen auf dem Rio Negro gehören.

Seine Vorbilder sind Mary Poppins, die fliegen und zaubern kann, und sein Onkel Valdivino, ein legendärer Koksflieger, dessen Glanz und Niedergang er miterlebt hat und an dem sein Herz hängt.

Fliegen ist ein einsames Geschäft. Du bist da oben, Stunde um Stunde, allein, im Wechselbad deiner Gefühle, zwischen heller Geborgenheit und rabenschwarzen Löchern. Und dann siehst du, wie die Sonne über den Horizont kommt oder verschwindet.

Der Film begleitet Nilton und Fernando auf ihren Flügen im Kosmos Amazonien. In zwei Monologen aus dem Off erzählen sie ihr Fliegerleben in Rückblick, Ausblick und Reflexion.

Ich fliege immer noch um des Vergnügens willen, Glücksgefühl in einem freien Raum, der nicht zu besitzen und zu beherrschen ist.

Traum und Trauma. Vor Jahren waren Nilton und Fernando Opfer eines dramatischen Entführungsversuchs, bei dem ihr Flieger geklaut werden sollte. Es kam zu einer Schießerei, und Fernando tötete einen der Entführer. Am Ende des Films treffen sie sich und auf diese gemeinsame Geschichte, die beiden nachgeht. Die Verletzung des Traums vom Fliegen durch Gewalt.

Als alles vorbei war, hat Fernando geweint. Ohne ihn hätte ich die Entführung nicht überlebt. Er kommt von ganz unten, mit nichts als einem Löwenherz und eisernem Willen, sich durchzubeißen. Unsere Wege sind ähnlich.

Am nächsten Morgen sind die Schatten der Vergangenheit gebannt. Fernando schmiedet Pläne für neue Abenteuer, und Nilton denkt an eine Liebe. Dann ziehen ihre Flieger nebeneinander durchs Himmelsblau, bevor sie in entgegengesetzten Kurven aus dem Blick verschwinden.

Fliegen heißt in den Himmel schauen, auf die Erde und den Horizontstrich dazwischen, der Hell und Dunkel trennt und dir Anhalt gibt.

 

Herbert Brödl entwickelt seine Geschichten aus einem recherchierten realistischen Bodensatz und mischt dann mit Selbstverständlichkeit Doku, Halbdokumentarisches und Fiktion, Gefundenes und Erfundenes, authentische Figuren und Schauspieler, Realität und Fantasie, Gedanken, Stimmen und Bilder. Diese ganz eigene Verbindung der Elemente macht den besonderen Charakter seiner Filme und ihre Faszination aus.
'Flieger' ist der sechste Film von Herbert Brödls Äquator-Zyklus und sein Abschluss nach 'Eclipse' (2002), 'Bad Boy' (2000), 'Früchtchen' (1998), 'Goldland' (1996) und 'Jaguar und Regen' (1994). Filme, deren Schauplätze in der Mitte der Welt liegen, Geschichten und Ansichten aus den Tropen.
 

'Ich begleite, beobachte und inszeniere Menschen auf Reisen und Erkundungen, Wanderer zwischen den Welten, für die sich das Eigene im Fremden erfüllt.'   
Herbert Brödl